Longevity heißt Gesundheitsspanne, nicht Lebensdauer: die Jahre, die du ohne wesentliche Einschränkung lebst. Belegt ist dafür erstaunlich wenig, und das Belegte ist unspektakulär. Fünf Lebensstilfaktoren machen in US-Kohortendaten rund 14 Jahre Lebenserwartung aus, keiner davon ist ein Produkt. Am stärksten hängen drei messbare Größen mit der Sterblichkeit zusammen: Ausdauerleistung, Muskelkraft und soziale Einbindung. Was dagegen nicht belegt ist, füllt Regale: kein Nahrungsergänzungsmittel hat am Menschen je eine verlängerte Lebensdauer gezeigt, und die berühmten Blue Zones halten einer Datenprüfung nicht stand.
Ein Geschäftsführer, 54, kam mit einer Liste zu mir. Vierzehn Nahrungsergänzungsmittel, ein Abo für einen biologischen Alterstest, eine Kältewanne im Keller und ein Dashboard, auf dem er seine Herzratenvariabilität verfolgte. Er wollte wissen, ob die Reihenfolge stimmt.
Dann erzählte er mir beiläufig, dass er seit zwei Jahren etwa fünf Stunden schläft. Unter der Woche. Am Wochenende hole er das nach.
Wir haben die Liste nicht optimiert. Wir haben sie auf null gesetzt und mit dem Schlaf angefangen. Das ist keine Pointe gegen ihn, sondern das verbreitetste Muster, das mir bei diesem Thema begegnet: Menschen, die sehr viel Aufwand in die letzten fünf Prozent stecken, während die ersten fünfzig offen liegen.
Longevity heißt Gesundheitsspanne, nicht Lebensdauer
Die Frage, was Longevity wirklich ist, lässt sich am schnellsten über die Differenz zweier Zahlen klären. Die eine ist die Lebensdauer: wie lange du lebst. Die andere ist die Gesundheitsspanne: wie lange du ohne wesentliche Einschränkung lebst. Zwischen beiden liegt eine Lücke, und diese Lücke ist der eigentliche Gegenstand.
Medizinischer Fortschritt hat die erste Zahl stark bewegt. Die zweite deutlich weniger. Das Ergebnis sind gewonnene Jahre, die oft in Einschränkung verbracht werden. Wer Longevity sagt und nur Lebensdauer meint, arbeitet am falschen Ende.
Biologisch ist Altern dabei kein diffuser Verschleiß. Die Arbeitsgruppe um Carlos López-Otín hat die beschreibbaren Mechanismen 2023 in zwölf Kennzeichen zusammengefasst, darunter genomische Instabilität, Telomerverkürzung, Störungen der Proteinqualität, Entzündungsprozesse und erschöpfte Stammzellen (López-Otín et al., Cell 2023).
Das klingt nach Angriffspunkten, und genau so wird es verkauft. Der unbequeme Teil: Dieses Modell ist ein Ordnungsrahmen für die Forschung, keine Therapieliste. Der überwiegende Teil dessen, was auf diese Mechanismen nachweislich wirkt, wirkt bisher in der Maus. Beim Menschen ist der Nachweis für fast alle dieser Ansätze offen.
Die Blue Zones halten der Prüfung nicht stand
Praktisch jeder deutschsprachige Artikel zu diesem Thema erzählt dieselbe Geschichte. Fünf Regionen, in denen Menschen auffällig alt werden: Okinawa, Sardinien, Ikaria, Nicoya und Loma Linda. Daraus abgeleitet werden Ernährungsregeln, Bewegungsmuster und Gemeinschaftsstrukturen, die man nachmachen soll.
Diese Geschichte ist in den letzten Jahren auseinandergenommen worden, und zwar nicht über die Ernährung, sondern über die Daten.
Der Demograf Saul Newman hat Altersrekorde systematisch geprüft. Seine Befunde: Nur 18 Prozent der als besonders sorgfältig validiert geltenden Supercentenarians, also Menschen ab 110 Jahren, besitzen überhaupt eine Geburtsurkunde. In den USA sind es null Prozent. Wo eine flächendeckende Geburtenregistrierung eingeführt wurde, brach die Zahl solcher Altersrekorde anschließend um 69 bis 82 Prozent ein.
Dazu kommt ein Muster, das schwer anders zu erklären ist: Die Geburtsdaten von Supercentenarians häufen sich auf Tagen, die durch fünf teilbar sind. In England und Frankreich sagt die Altersarmutsquote einer Region mehr als die Hälfte der regionalen Unterschiede beim Erreichen eines bemerkenswerten Alters voraus. Und die ausgewiesenen Blue Zones entsprachen Regionen mit, gemessen am jeweiligen Landesdurchschnitt, niedrigeren Einkommen, geringerer Alphabetisierung, höherer Kriminalität und kürzerer Lebenserwartung.
Was dieser Befund nicht bedeutet
Hier gehört die Einschränkung dazu, und sie ist wichtig. Newmans Arbeit ist bislang ein Preprint und hat kein Peer-Review durchlaufen. Sie bekam 2024 den Ig-Nobelpreis, eine satirische Auszeichnung für Forschung, die erst zum Lachen und dann zum Nachdenken bringt. Seine Schlussfolgerungen sind in der Demografie umstritten.
Daraus folgt nicht, dass Ernährung, Bewegung oder soziale Einbindung unwichtig wären. Für diese Faktoren gibt es belastbare Daten, nur eben aus anderen Quellen. Was wegfällt, ist die Blue-Zones-Erzählung als Begründung für konkrete Regeln. Niemand hat je geprüft, ob es die Bohnen, der Wein oder das Treppensteigen war. Man hat eine auffällige Zahl gesehen und rückwärts eine Erklärung gesucht.
Mein Umgang damit im Coaching ist seitdem derselbe geblieben: Ich leite nichts aus einer Region ab. Ich leite es aus Daten ab, bei denen jemand gemessen hat, was er behauptet.
Was belegt ist: fünf Faktoren, vierzehn Jahre
Die bekannteste belastbare Zahl zu diesem Thema stammt aus zwei langlaufenden US-Kohorten, der Nurses' Health Study und der Health Professionals Follow-up Study. Zusammen 123.219 Teilnehmer, bis zu 34 Jahre Beobachtung, 42.167 dokumentierte Todesfälle.
Die Forschergruppe definierte fünf Niedrigrisiko-Faktoren: nie geraucht, BMI zwischen 18,5 und 24,9, mindestens 30 Minuten moderate bis intensive Bewegung pro Tag, moderater Alkoholkonsum und eine Ernährungsqualität im oberen Bereich. Wer alle fünf erfüllte, hatte gegenüber jemandem mit keinem davon eine Hazard Ratio von 0,26 für die Gesamtsterblichkeit (Li et al., Circulation 2018).
In Lebenszeit übersetzt: Die Lebenserwartung ab 50 lag bei 43,1 weiteren Jahren statt bei 29,0. Für Frauen ergab das 14,0 Jahre Unterschied, für Männer 12,2.
Vier dieser fünf Faktoren kosten nichts. Keiner davon ist ein Produkt. Das ist der eigentliche Befund und zugleich der Grund, warum er in der Longevity-Branche selten im Mittelpunkt steht.
Zwei Einschränkungen, die dazugehören
Es handelt sich um Beobachtungsdaten. Menschen, die nicht rauchen, sich täglich bewegen und gut essen, unterscheiden sich auch sonst von denen, die das nicht tun, in Bildung, Einkommen und medizinischer Versorgung. Die Zahl zeigt einen Zusammenhang, keinen bewiesenen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang. Dazu kommt die Zusammensetzung: überwiegend Pflegekräfte und Angehörige von Gesundheitsberufen in den USA, mit hohem Bildungsstand.
Und einer der fünf Faktoren ist inzwischen überholt. „Moderater Alkoholkonsum" galt damals als Niedrigrisiko-Merkmal. Neuere Auswertungen, die den Vergleich mit lebenslang Abstinenten sauberer führen, finden diesen Schutzeffekt nicht mehr. Wer die Studie heute wiederholen würde, käme bei diesem Punkt zu einem anderen Ergebnis.
Und die Gene?
„Zwanzig bis dreißig Prozent sind genetisch" steht in fast jedem Artikel zum Thema. Diese Zahl stammt aus Familien- und Zwillingsvergleichen und ist vermutlich zu hoch.
Eine Auswertung von Stammbaumdaten mit mehreren hundert Millionen historischen Personen fand dieselbe Ähnlichkeit der Lebensdauer nämlich auch zwischen angeheirateten Verwandten, die keine Gene teilen. Menschen wählen Partner mit ähnlichem Lebensstil, ähnlicher Bildung und ähnlichem Umfeld, und das wurde jahrzehntelang als Erblichkeit verbucht. Nach Herausrechnen dieses Effekts lag die tatsächliche Erblichkeit der Lebensdauer deutlich unter 10 Prozent (Ruby et al., Genetics 2018).
Falls dich das beunruhigt, weil es die Verantwortung verschiebt: Es ist die bessere Nachricht von beiden.
Die drei Größen mit dem stärksten Zusammenhang
Wenn man die Kohortendaten nach der Stärke des Zusammenhangs mit der Sterblichkeit sortiert, bleiben drei Größen oben stehen. Zwei davon kannst du trainieren, eine musst du pflegen.
In einer Auswertung von 122.007 Belastungstests über 1,1 Millionen Personenjahre hatten die Leistungsfähigsten gegenüber der schwächsten Gruppe eine Hazard Ratio von 0,20. Umgekehrt gerechnet lag das Risiko der schwächsten Gruppe fünffach höher.
kein oberes Limit des NutzensEine Übersicht über 16 Studien fand 10 bis 17 Prozent geringeres Risiko für Gesamtsterblichkeit, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Diabetes. Der Verlauf war J-förmig, mit dem Maximum bei 30 bis 60 Minuten Krafttraining pro Woche.
30–60 Min. pro WocheEine Metaanalyse über 148 Studien mit 308.849 Teilnehmern fand für Menschen mit starken sozialen Beziehungen eine um 50 Prozent höhere Überlebenswahrscheinlichkeit. Bei komplexen Maßen sozialer Integration stieg der Wert weiter.
OR 1,50 (1,42–1,59)Die Zahl zur Ausdauerleistung verdient einen zweiten Blick, weil sie die Größenordnung verständlich macht. Der Risikoaufschlag durch schlechte kardiorespiratorische Fitness war in dieser Auswertung vergleichbar mit dem durch Rauchen und größer als der durch Diabetes. Und die Autoren fanden keine obere Grenze: Auch sehr hohe gegenüber hoher Leistungsfähigkeit brachte noch einen Vorteil, bei den über 70-Jährigen eingeschlossen (Mandsager et al., JAMA Netw Open 2018).
Auch hier die Einschränkung: Es handelt sich um eine retrospektive Auswertung an Menschen, die zu einem Belastungstest überwiesen wurden. Die sind im Schnitt kränker als die Allgemeinbevölkerung. Die Richtung ist durch viele andere Kohorten gestützt, die genaue Höhe des Effekts nicht.
Bei der Muskelkraft lohnt sich ein Hinweis zur Griffkraft, die als Longevity-Marker gerade populär wird. In der PURE-Studie mit 139.691 Teilnehmern ging jede Abnahme um 5 Kilogramm mit einer um 16 Prozent höheren Gesamtsterblichkeit einher, womit die Griffkraft ein stärkerer Vorhersagewert war als der systolische Blutdruck. Nur: Griffkraft ist ein Anzeiger für den Zustand des gesamten Systems, kein Hebel. Wer seine Unterarme trainiert, verändert den Marker und nicht das, wofür er steht. Wie du stattdessen sinnvoll aufbaust, steht im Leitfaden zum Krafttraining ab 40.
Die dritte Größe ist die, über die in diesem Zusammenhang am wenigsten gesprochen wird, weil man sie nicht kaufen kann. Der Effekt sozialer Einbindung liegt in der Metaanalyse von Holt-Lunstad in derselben Größenordnung wie etablierte medizinische Risikofaktoren.
Was nicht hält, was es verspricht
Dieser Abschnitt ist der Grund, warum ich den Artikel überhaupt geschrieben habe. Die Lücke zwischen dem, was verkauft wird, und dem, was gezeigt wurde, ist in kaum einem Gesundheitsthema so groß.
Bei den Nahrungsergänzungsmitteln gibt es für kein einziges eine kontrollierte Studie am Menschen, die eine verlängerte Lebensdauer zeigt. Das heißt nicht wirkungslos: Ein nachgewiesener Mangel gehört ausgeglichen, und einzelne Stoffe haben belegte Effekte auf einzelne Funktionen. Für Lebenszeit fehlt der Nachweis vollständig. Wo die realen Risiken liegen, habe ich an anderer Stelle aufgeschrieben, und welche Form bei einem konkreten Stoff überhaupt ankommt, zeigt das Beispiel Magnesium recht deutlich.
Die biologischen Alterstests, also die epigenetischen Uhren, messen Methylierungsmuster und sagen auf Gruppenebene durchaus etwas über Erkrankungsrisiken aus. Für dich als Einzelperson ist der Nutzen offen. Entscheidend ist ein Punkt, der in der Werbung nie auftaucht: Es gibt bis heute keinen Nachweis, dass ein gesenkter Testwert mit einem längeren oder gesünderen Leben einhergeht. Du optimierst eine Zahl, deren Verbindung zum Ergebnis ungeprüft ist.
Als Medikamente gegen das Altern werden am häufigsten Rapamycin und Metformin genannt. Bei Mäusen gibt es belastbare Befunde zur Lebensverlängerung. Beim Menschen läuft die entscheidende Studie noch nicht ausgewertet, und bis dahin ist jede Empfehlung eine Wette, keine Evidenz.
Im Rest des Werkzeugkastens stehen Kältewannen, Rotlicht, Infusionen und Atemprotokolle. Einiges davon hat kurzfristige messbare Effekte, bei fast nichts davon ist der Übertrag auf Lebenszeit untersucht. Die ausführliche Einordnung steht im Artikel zur Frage, ob Biohacking gefährlich ist. Eine Ausnahme mit vergleichsweise ordentlicher Datenlage ist Kreatin, allerdings für kognitive Leistung und Muskelmasse, nicht für Lebenserwartung.
Zur Ehrlichkeit gehört der Zusatz: „Nicht belegt" ist nicht dasselbe wie „widerlegt". Vieles davon ist schlicht nicht untersucht. Nur sollte man dann auch nicht so tun, als wäre es das.
Longevity ist ein System, kein Stapel Maßnahmen
Der Geschäftsführer vom Anfang hatte keinen Mangel an Maßnahmen. Er hatte vierzehn. Was ihm fehlte, war die Einsicht, dass diese Maßnahmen nicht nebeneinander wirken, sondern miteinander.
Fünf Stunden Schlaf senken die Glukosetoleranz, erhöhen den Appetit, verschlechtern die Regeneration nach Training und machen jede Ernährungsumstellung schwerer durchzuhalten. Vier der fünf Faktoren aus der Circulation-Auswertung hängen also an einem einzigen, der in dieser Liste gar nicht vorkommt. Das ist kein Argument gegen die Liste, sondern dafür, sie in der richtigen Reihenfolge abzuarbeiten. Wie dieser Zusammenhang im Detail funktioniert, steht im Leitfaden zur Regeneration und im Artikel zur Schlafqualität.
Dasselbe gilt in die andere Richtung. Wer unter Dauerbelastung steht und gleichzeitig das Trainingsvolumen erhöht, belastet sein System auf zwei Fronten und bekommt die Rechnung Wochen später. Was dabei schiefgeht und woran du es erkennst, habe ich beim Thema Übertraining ausgeführt.
Praktisch heißt das: Die Frage ist nie, welche Maßnahme die beste ist. Sie lautet, welche bei dir gerade die größte offene Lücke schließt. Für die meisten ist das nicht die vierzehnte Kapsel. Es ist Schlaf, Bewegungsumfang oder ein Stresspegel, den seit Jahren niemand ernsthaft angeschaut hat.
Genau diese Standortbestimmung ist der Inhalt der Blueprint Session: 90 Minuten, in denen Training, Schlaf, Ernährung, Stress und Blutwerte einmal zusammen auf dem Tisch liegen statt einzeln. Wer das lieber selbst durcharbeiten will, findet die Struktur dafür im Blueprint Digital.
Womit du anfängst, wenn du heute anfängst
Der Reiz dieses Themas liegt darin, dass es endlos viel zu tun gibt. Das ist auch sein Hauptproblem. Deshalb vier Schritte in dieser Reihenfolge, nicht parallel.
Der erste Schritt ist zu messen, was du hast. Für die Ausdauerleistung reicht ein Zwölf-Minuten-Lauftest oder eine feste Strecke mit Zeitnahme. Für die Kraft ein Handdynamometer und zwei Grundübungen mit sauber notierter Last. Beides kostet zusammen eine Stunde und einen Nachmittag, und beides gibt dir einen Ausgangswert, gegen den du in sechs Monaten vergleichen kannst.
Der zweite Schritt ist, die größte Lücke zu benennen, nicht die bequemste. Wenn du sieben Stunden schläfst, aber nie außer Atem kommst, ist der Hebel die Ausdauer. Wenn du dreimal pro Woche trainierst, aber fünf Stunden schläfst, ist es der Schlaf. Beides gleichzeitig anzufassen klingt effizient und endet meistens damit, dass keines hält.
Dann nimmst du dir eine Sache für vier Wochen vor. Lang genug, dass sich etwas ändert, kurz genug, dass es überschaubar bleibt. Danach die nächste, ohne die erste fallen zu lassen.
Und irgendwann gehören die Blutwerte einmal angeschaut. Nicht als Longevity-Panel für vierstellige Beträge, sondern als Basisdiagnostik, bei der jemand weiß, worauf er schaut. Welche Werte dabei sinnvoll sind und was das Standardpaket typischerweise nicht enthält, steht im Artikel zum großen Blutbild.
Zum Schluss der Teil, den ich mir selbst sagen lassen musste. Ich hatte vor Jahren eine Schublade mit Dosen, von denen ich bei der Hälfte nicht mehr wusste, warum ich sie gekauft hatte. Die Schublade ist heute deutlich leerer, die Werte sind besser. Zusammenhang ist keine Kausalität, aber ich habe meine Vermutung.
Was bedeutet Longevity genau?
Longevity meint im heutigen Sprachgebrauch nicht die reine Lebensdauer, sondern die Gesundheitsspanne: die Jahre, die du ohne wesentliche Einschränkung lebst. Die beiden Größen laufen auseinander. Lebenszeit dazuzugewinnen ist einfacher geworden, gesunde Lebenszeit dazuzugewinnen nicht. Wer von Longevity spricht und nur die Lebensdauer meint, verfehlt den Punkt.
Wie viele Jahre bringt ein gesunder Lebensstil wirklich?
Eine Auswertung zweier US-Kohorten mit 123.219 Teilnehmern über bis zu 34 Jahre kam auf folgende Zahlen: Wer mit 50 Jahren fünf Niedrigrisiko-Faktoren erfüllte, hatte eine Lebenserwartung von 43,1 statt 29,0 weiteren Jahren. Für Frauen waren das 14,0 Jahre Unterschied, für Männer 12,2. Die fünf Faktoren waren: nie geraucht, BMI zwischen 18,5 und 24,9, mindestens 30 Minuten Bewegung pro Tag, moderater Alkoholkonsum und gute Ernährungsqualität. Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie, die Zahlen zeigen einen Zusammenhang und keinen bewiesenen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang.
Wie viel von der Lebenserwartung ist genetisch bestimmt?
Weniger, als fast überall steht. Die verbreitete Angabe von 20 bis 30 Prozent stammt aus Familien- und Zwillingsvergleichen. Eine Auswertung von Stammbaumdaten mit mehreren hundert Millionen Personen zeigte, dass ein großer Teil dieser Ähnlichkeit auch zwischen angeheirateten Verwandten ohne gemeinsame Gene auftritt. Nach Herausrechnen dieser Partnerwahl lag die tatsächliche Erblichkeit der Lebensdauer deutlich unter 10 Prozent.
Sind die Blue Zones ein Mythos?
Als Beleg für bestimmte Ernährungs- oder Lebensstilregeln taugen sie nicht. Eine Datenprüfung des Demografen Saul Newman fand, dass nur 18 Prozent der geprüften Supercentenarians überhaupt eine Geburtsurkunde haben, in den USA null Prozent, und dass die Einführung der Geburtenregistrierung die Zahl solcher Altersrekorde um 69 bis 82 Prozent einbrechen ließ. Die als Blue Zones ausgewiesenen Regionen hatten im Vergleich zum jeweiligen Landesdurchschnitt niedrigere Einkommen, geringere Alphabetisierung und eine kürzere Lebenserwartung. Diese Arbeit ist bislang ein Preprint und nicht begutachtet. Sie widerlegt nicht, dass Ernährung und soziale Einbindung zählen, sie entzieht nur den konkreten Blue-Zones-Regeln ihre Datengrundlage.
Welche Supplements verlängern das Leben?
Bislang keines. Für kein Nahrungsergänzungsmittel gibt es eine kontrollierte Studie am Menschen, die eine verlängerte Lebensdauer zeigt. Das ist etwas anderes als wirkungslos: Ein nachgewiesener Mangel gehört ausgeglichen, und einzelne Stoffe haben belegte Effekte auf einzelne Funktionen. Für die Lebenserwartung fehlt dieser Nachweis vollständig.
Ab welchem Alter sollte man mit Longevity anfangen?
Je früher, desto mehr Substanz lässt sich aufbauen, aber ein sinnvoller Einstieg ist in jedem Alter möglich. Die beiden Größen mit dem stärksten Zusammenhang zur Sterblichkeit, Ausdauerleistung und Muskelkraft, reagieren bis ins hohe Alter auf Training. In der Auswertung zur körperlichen Fitness war der Vorteil sehr hoher gegenüber hoher Leistungsfähigkeit gerade bei den über 70-Jährigen noch nachweisbar.
Wissenschaftliche Quellen
- Li Y, Pan A, Wang DD et al. Impact of Healthy Lifestyle Factors on Life Expectancies in the US Population. Circulation. 2018;138(4):345–355. PMID 29712712. doi.org/10.1161/CIRCULATIONAHA.117.032047 — fünf Lebensstilfaktoren und Lebenserwartung ab 50.
- Mandsager K, Harb S, Cremer P et al. Association of Cardiorespiratory Fitness With Long-term Mortality Among Adults Undergoing Exercise Treadmill Testing. JAMA Netw Open. 2018;1(6):e183605. PMID 30646252. doi.org/10.1001/jamanetworkopen.2018.3605 — Ausdauerleistung und Gesamtsterblichkeit, kein oberes Limit des Nutzens.
- Momma H, Kawakami R, Honda T, Sawada SS. Muscle-strengthening activities are associated with lower risk and mortality in major non-communicable diseases: a systematic review and meta-analysis of cohort studies. Br J Sports Med. 2022;56(13):755–763. PMID 35228201. doi.org/10.1136/bjsports-2021-105061 — Krafttraining, J-förmiger Verlauf, Maximum bei 30 bis 60 Minuten pro Woche.
- Leong DP, Teo KK, Rangarajan S et al. Prognostic value of grip strength: findings from the Prospective Urban Rural Epidemiology (PURE) study. Lancet. 2015;386(9990):266–273. PMID 25982160. doi.org/10.1016/S0140-6736(14)62000-6 — Griffkraft als Vorhersagewert für Sterblichkeit.
- Holt-Lunstad J, Smith TB, Layton JB. Social relationships and mortality risk: a meta-analytic review. PLoS Med. 2010;7(7):e1000316. PMID 20668659. doi.org/10.1371/journal.pmed.1000316 — soziale Einbindung und Überlebenswahrscheinlichkeit.
- Ruby JG, Wright KM, Rand KA et al. Estimates of the Heritability of Human Longevity Are Substantially Inflated due to Assortative Mating. Genetics. 2018;210(3):1109–1124. PMID 30401766. doi.org/10.1534/genetics.118.301613 — tatsächliche Erblichkeit der Lebensdauer unter 10 Prozent.
- López-Otín C, Blasco MA, Partridge L, Serrano M, Kroemer G. Hallmarks of aging: An expanding universe. Cell. 2023;186(2):243–278. PMID 36599349. doi.org/10.1016/j.cell.2022.11.001 — zwölf beschreibbare Mechanismen des Alterns.
- Newman SJ. Supercentenarian and remarkable age records exhibit patterns indicative of clerical errors and pension fraud. bioRxiv. 2024. doi.org/10.1101/704080 — Preprint, nicht begutachtet. Datenprüfung zu Altersrekorden und Blue Zones.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Die genannten Zahlen stammen überwiegend aus Beobachtungsstudien und zeigen Zusammenhänge, keine bewiesenen Ursachen. Blutwerte, Nahrungsergänzungsmittel und Medikamente gehören vor jeder Änderung ärztlich besprochen, besonders bei bestehenden Erkrankungen oder laufender Medikation. Vor dem Einstieg in intensives Ausdauer- oder Krafttraining ist ab etwa 40 Jahren oder bei Vorerkrankungen eine sportmedizinische Abklärung sinnvoll.